Hannoversche Allgemeine Zeitung, 04.03.2006
Mit dem Cello in den Sandkasten
Einjähriges Kunstprojekt im Ernst-Ehrlicher-Park mit Sektempfang eröffnet
(käs) Die Schilder an den beiden Eingängen des Ernst-Ehrlicher-Parks verkünden Ungewöhnliches: Ein Jahr lang wird die idyllische Grünfläche im Herzen Hildesheims dem so genannten Ernst-Ehrlicher-Institut zu Forschungszwecken dienen. Ein Institut im Park? Forschung im Grünen? Werden demnächst etwa vereinzelte Weißkittel durchs Unterholz streifen? Der Landschaftskünstler Frank Schulze beruhigt besorgte Zeitgenossen schon mal im Voraus: „Wir wollen den Park einfach wieder etwas verstärkt in das Blickfeld der Öffentlichkeit rücken.”
Zum Auftakt des ungewöhnlichen Kunstprojektes hat Schulze gestern zum Sektempfang geladen. Das Motto dieses Stelldicheins im Grünen steht unübersehbar in roten Buchstaben auf der zentralen Wiese: „Anstoßen”. An drei Stehtischen können sich Spaziergänger, Jogger und Hunde-Gassi-Geher über die kreativen Vorhaben des neu gegründeten Institutes informieren.
Insgesamt neun Experimente will der Künstler aus Hannover in den kommenden zwölf Monaten zwischen Bäumen, Seen und Spielplatz organisieren. „Einige Projekte stehen jetzt schon fest, bei anderen erhoffen wir uns Mithilfe und Ideen aus der Bevölkerung”, erklärt der 41-Jährige. So wird es im Sommer unter anderem eine Schatzsuche geben, an der sich alle Parkbesucher beteiligen können. An einem anderen Tag wird eine Cellistin im Sandkasten des Kinderspielplatzes spielen und somit für Klassikmusik unter freiem Himmel sorgen.
„Wir sind gespannt, wie die Hildesheimer auf die einzelnen Aktionen reagieren werden”, sagt Frank Schulze schmunzelnd und blickt zu den Baumkronen hinauf. Zwischen den kahlen Ästen hängt eine unscheinbare Kamera, die das Geschehen auf der Wiese verfolgt und aufzeichnet. „Jede Minute entsteht so ein Standbild, dass sich die Leute auf unserer Internetseite ‚www.ernst-ehrlicher-park.de’ ansehen können”, erklärt er. So solle eine Plattform geschaffen werden, in deren Rahmen sich alle Benutzer mit Ideen und Vorschlägen beteiligen können.
Angst, dass sich vereinzelte Parkbesucher von der Kamera beobachtet fühlen, hat der Künstler nicht: „Eine Genehmigung dafür haben wir von der Stadt Hildesheim eingeholt, und außerdem weisen die Schilder am Eingang des Parks auf die Aktion hin”, erklärt er.
Im vergangenen Jahr hatte Schulze den ersten Preis des Wettbewerbes „Kunst im Ernst-Ehrlicher-Park in Hildesheim” gewonnen, den der Architekten- und Ingenieur-Verein (AIV) in Kooperation mit dem Kunstverein ausgelobt hatte. Das Ziel: den Park aus neuen Blickwinkeln wahrnehmen und Ideen für eine künftige Nutzung sammeln. „Viele Bereiche der Anlage, die ursprünglich als eine Art englischer Garten angelegt worden ist, sind in den vergangenen Jahren stark verwildert”, erläutert der AlV-Vorsitzende Matthias Jung. Nach Ablauf der einjährigen Aktion wolle man überlegen, wie man zum Beispiel die Wasserflächen wieder etwas stärker in den Vordergrund rücken könne.
Bei den meisten Hildesheimern, die es gestern Vormittag in den Ernst-Ehrlicher-Park verschlug, kam das erste Experiment des Künstlers durchweg positiv an: „Es ist doch toll, wenn hier etwas auf die Beine gestellt wird”, freute sich zum Beispiel Angelika Bettin, die regelmäßig im Park spazieren geht. „Auf die Aktionen im Sommer freue ich mich jetzt schon.”
