Hannoversche Allgemeine Zeitung, 30.03.2006

Spatenstiche

Nach dem „Anstoß" wieder Überraschendes beim Kunstprojekt im Ernst-Ehrlicher-Park

HILDESHEIM. Es wird Frühling. Die Luft wird lau, überall drängen die Knospen ans Licht, die Welt erscheint im neuen Grün. Auch im Ernst-Ehrlicher-Park wirds blumig. Spaten und Primeln zeugen seit Montag von jeder Menge Aktivität. Allerdings ist die nicht mit menschlichem Tun verbunden. Einen Gärtner sucht man vergebens.
Was anfangs aussah wie eine halb erledigte Großpflanzung, ist tatsächlich das zweite Experiment des Ernst-Ehrlicher-Instituts (EEI) für experimentelle Parknutzungsforschung. 20 Spaten in einer Reihe, daneben „wartend" aufgereiht 80 Primeln, so fanden Parkbesucher die Wiese im Ernst-Ehrlicher-Park vor.
Die Verwunderung war groß. Viele schauten, manche sich auch um, andere treten an die Grabsituation heran. Fleißige und hilfsbereite Hildesheimer versenkten schnell ein paar Primeln, beratschlagten noch kurz über Standort und Anordnung. Die meisten pflanzten an Ort und Stelle, andere schleppten die bunte Pracht an andere Stellen, um die zu „beleuchten". Inzwischen sind alle Primeln eingegraben und die Spaten stehen ein bisschen verloren in der Gegend herum.
Hinter der Aktion verbirgt sich ein Kunstprojekt unter der Regie des Künstlers Frank Schulze aus Hannover. Das Projekt ist hervorgegangen aus einem vom Architekten-und Ingenieur-Verein (AIV) und dem Kunstverein Hildesheim initiierten Kunstwettbewerbs. Inhalt war die Konzeption eines einjährigen Prozesses im Ernst-Ehrlicher-Park. Schulze hatte sein Projekt Anfang März bei bitterer Kälte unter dem Titel „Anstossen" mit Sekt eröffnet.
Mit der Spatenaktion hat das Projekt offziell begonnen. Das Ziel: den Park aus neuen Blickwinkeln wahrnehmen und Ideen für eine künftige Nutzung sammeln.
Eine im Baum installierte Kamera überträgt die gesamte Szenerie ins Internet. Was sich tat und tut im Ernst-Ehrlicher-Park, ist minutenaktuell abrufbar: www.ernst-ehrlcher-institut.de präsentiert Fotos aus dem Park, enthüllt überraschende Aktionen und gibt einen Überblick über zukünftige Experimente im Ernst-Ehrlicher-Park.
Und was hat Schulze nun aus der Aktion geschlossen?„Dass die Farbe gut angekommen ist und die Menschen viel Spaß gehabt haben." Vor allem ist der Künstler bass erstaunt, dass nicht eines der Gartengeräte oder eine der Blumen geklaut worden ist. „Die Angst vor Vandalismus im öffentlichen Raum scheint sich - zumindest in diesem kurzen Zeitraum - nicht zu bestätigen." Insgesamt neun Experimente will der Künstler aus Hannover in den kommenden zwölf Monaten zwischen Bäumen, Seen und Spielplatz organisieren. „Einige Projekte stehen jetzt schon fest, bei anderen erhoffen wir uns Mithilfe und Ideen aus der Bevölkerung", erklärt der 41-Jährige. So wird es im Sommer eine Schatzsuche geben, an der sich alle Parkbesucher beteiligen können. An einem anderen Tag wird eine Cellistin im Sandkasten des Kinderspielplatzes spielen und somit für Klassikmusik unter freiem Himmel sorgen.
Was die Macher des Ernst-Ehrlicher-Iinstituts noch alles vorhaben, wird nur zum Teil vorab verraten. Um nichts zu verpassen, bleibt also nur der Spaziergang durch den Park oder die virtuelle Reise auf die hervorragend gestaltete Website. art

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