Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 25.04.2006

Wenn die Zwerge mit den Zwergen tanzen

Gestern startete Frank Schulze seine dritte Aktion im Ernst-Ehrlicher-Park und will nun live und per Kamera beobachten, was passiert


HILDESHEIM. Johanna ist begeistert und „rast" mit stockeligen Schritten auf den Zipfelmützenträger zu. Endlich mal jemand, der noch kleiner ist als man selber und den man deswegen ungestraft umarmen, herumschleppen und auch -jawohl - einfach mal umwerfen kann. Am liebsten würde die Zweijährige mindestens einen der 50 Gartenzwerge, die seit gestern früh den Ernst-Ehrlicher-Park bevölkern, mit nach Haus nehmen. Mutter Angela Eilerhof sieht das etwas anders: „Mir ist der natürliche Ausblick ohne Plastik dazwischen lieber", erklärt sie. Gibt aber zu, dass sie sich über den Spaß, den Johanna und die vierjährige Caroline mit den 70-Zentimeter-Gesellen haben, doch freut. Auch der zweijährige Jesse und der dreijährige Elvis sind hin und weg und verschmelzen innerhalb von Minuten mit einer ganzen Gruppe von Schaufel tragenden Zwergen.
„Endlich passiert mal was", freut sich Elvis' Papa Volker Hanuschke über die Zwergenaktion. Befürchtet aber Protest anderer Parkbesucher: „Wenn mal was Neues passieren soll, stehen sich die Leute gegenseitig im Weg und blocken ab, anstatt die Aktion als kreative Chance zum Gespräch zu verstehen.
" Und genau das will Frank Schulze, Gründer des Ernst-Ehrlicher-Instituts für experimentelle Parknutzungsforschung (EEI). Der Gewinner des Wettbewerbs des Architekten- und Ingenieurvereins und des Kunstvereins Hildesheim will sich ein Jahr lang immer neue Experimente ausdenken und beobachten - live und über eine Kamera -, wie die Menschen reagieren.
Nach „Anstoßen" mit Sekt im März und einer Spaten- und Primel-Aktion hat der Künstler aus Hannover nun aus Polen 50 Zwerge besorgt und gestern früh um 6 Uhr auf der großen Wiese platziert. Da stehen sie nun untätig - von einem Förster bewacht - mit ihren Schaufeln und warten, was die Parkbesucher sagen.
Die bleiben auf jeden Fall erst einmal stehen. Allerdings - im Gegensatz zu den Kindern - brav an der Wegkante. Eine Spaziergängerin freut sich über die Belebung des Parks, wenn sie sich auch an den martialischen Schaufeln stört. „Witzig" findet auch Erika Tegner die Invasion auf ihrem täglichen Lauf durch den Park. „Aber nicht auf Dauer", ergänzt Tanja Tegner. Barbara von Eckardstein versteht unter Kunst etwas anderes. Sie hat bisher alle Aktionen verfolgt: „Die Spaten haben mich an einen anonymen Friedhof erinnert, und diese Biester hier, die sind einfach hässlich", findet sie.
Schulze dagegen bezeichnet sie „in der Kategorie der Zwerge als eher ästhetisch, in der Kategorie Kunst als Kitsch". Der 41-Jährige will mit seinen Aktionen den Park in den Fokus bringen, „das heißt nicht, dass alle zufrieden und glücklich sind". Auch eine Umgestaltung des Parks ist nicht sein Ziel, sondern er will vielmehr beobachten, was passiert: Wenn mit den Objekte gespielt wird, ist ihm das natürlich lieber, als wenn sie gestohlen oder zerstört werden. „Aber auch das wäre ein Ergebnis." Immerhin sind von den 20 Spaten nur vier geklaut worden.
Wer von den Zwergen „überlebt", soll über das Internet nach Ende der Aktion signiert und verkauft werden. Denn angesichts des Aufwands, den der gebürtige Leverkusener betreibt, sind die 10 000 Euro Preisgeld für ein Jahr höchstens ein kleines Honorar. „Ich mache das hier aus Idealismus, nicht, um davon zu leben", betont Schulze, der von Haus aus Landart-Künstler ist.
Wann die nächste Aktion startet, verrät Schulze nicht. Er setzt auf den Überraschungseffekt. Allerdings sucht er noch einen „Bereichsleiter Außendienst", verrät der Künstler, der seit 1988 in Hannover lebt. „Einen kreativen Menschen, der hier öfter mal mit der Kamera vorbeikommt und die Stimmung einfängt", -erklärt Schulze. „Bewerbungen" sind über die Website möglich. Die erlaubt auch ständige Einblicke in das, was im Park passiert (ist). So hatten sich die Zwerge gestern um 11 Uhr mithilfe von Parkbesuchern bereits zu einer Schlange formiert.
Auf der Website wartet eine Sparte „Forum" auf die Diskussion mit dem Betrachter. Negativ und gern auch positiv. Frank Schulze sucht den Dialog und freut sich über Vorschläge für eigene Experimente. Der Park soll leben ... art

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