Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 08.06.2006
Weiß, bunt, Deckel drauf
Das vierte Experiment: Passanten können sich ihr Bild vom Park machen
Ob das Experiment gelingt? Jedenfalls waren die Leinwände um 10 Uhr noch weiß,
zwei Stunden später sämtlich bemalt.
Ort des Geschehens: der Ernst-Ehrlicher-Park. Um 7 Uhr hat Frank
Schulze dort mit seiner Arbeit begonnen. Allerdings ist der promovierte Mineraloge aus Hannover nicht als
Parkwächter tätig, sondern als Künstler. Der Gründer des Ernst-Ehrlicher-Instituts für
experimentelle Parknutzungsforschung(EEI) sowie Gewinner des Wettbewerbs des Architekten- und Ingenieurvereins
und des Kunstvereins Hildesheim will
sich für ein Jahr zehn Experimente ausdenken. Die Reaktionen der Menschen beobachtet er live und per Kamera.
Drei Experimente gab's schon, das vierte heißt "Mein Bild vom Park".
Dafür hat der 41-Jährige 13 Leinwände im Ernst-Ehrlicher-Park aufgestellt. Weiße Leinwände,
dazu Acrylfarben, Pinsel und Mischpaletten. Die noch nicht vorhandenen Bilder trugen sogar schon einen Titel: "Mein Bild
vom Park." Also eine verklausulierte Aufforderung an die Passanten.
Frank Schulze wundert sich zunächst, dass innerhalb von nur zwei Stunden offenbar bereits etliche Besucher des Parks
der Aufforderung nachgekommen sind. Mit der Kamera dokumentiert er einige Ergebnisse. Plötzlich unterbricht er sich
dabei: "Ich staune! Das muss ich festhalten!" Mit der Kamera, versteht sich. Was Schulze so erstaunt: Ein Mann schleppt
eine Staffelei von ihrem ursprünglichen Standort, stellt sie vor eine Bank, hebt ein Kind auf die Bank, das auch
gleich zu malen beginnt.
Der Mann murmelt, als er Frank Schulzes ansichtig wird, etwas von "Tritt mitgenommen" und deutet auf die Beine der
Staffelei: "Einfacher wäre 'ne Säge." Allerdings ist der Mann ganz und gar nicht gewalttätig, sondern
gelassen und voller Humor. Er heißt übrigens Stefan Schneiders. Er und seine Frau Simone Schneiders haben
ihre dreijährige Tochter Leonie aus der nahe gelegenen Kindertagesstätte abgeholt. Leonie ist es auch,
?die da so eifrig malt. Was denn eigentlich? "Ein Nilpferd", erklärt sie. Ja, und welches Bild vom Park hat sie?
"Weiß ich noch nicht", sagt sie munter - und lässt sich ganz und gar nicht beim Malen stören.
Gleich gesellt sich die ebenfalls dreijährige Anna zu ihr.
Den Kindern macht's Spaß. Aber was halten denn die Erwachsenen von dem Experiment und von den Experimenten
Schulzes überhaupt? "Vieles ist sehr schön für Kinder", findet Stefan Schneiders. Besonders das
dritte, das mit den Gartenzwergen, sei gut angekommen. Doch, interessant. Annas Mutter Petra Kauber-Birkelbach
pflichtet ihm bei. Simone Schneiders erwähnt das Experiment, bei dem Spaten und Primeln bereitstanden.
Mit ihrer Tochter habe sie die Blumen "eingebuddelt".
Ob es dadurch gelingt, die Aufmerksamkeit auf den Park zu lenken? Um Antwort auf diese Frage zu geben, ist
Stefan Schneiders vielleicht doch nicht der richtige Ansprechpartner, denn: "Wenn man hier am Park wohnt,
ist er eh sehr präsent."
Er schnappt sich selber Pinsel und Farbe. Ob er erklären möchte,
was er da gerade auf die Leinwand bringt? "Blau", sagt er und amüsiert
sich. Nein, aber mal ernsthaft: "Ich möchte ein Gefühl für
Farben kriegen." Das Bild, es ist inzwischen eine Gemeinschaftsproduktion,
sei "auf alle Fälle schön bunt", kommentiert Frank Schulze.
Eigentlich
habe das Experiment ja etwas länger dauern sollen, sagt er weiter.
Aber bis morgen, Freitag, werde er die Leinwände wohl im Park lassen.
"Es ist ja noch viel Platz auf einigen." Die Farbe dürfte reichen,
wird sie doch pfleglich behandelt. Auf die Deckel der Behälter hat
Frank Schulze geschrieben: "Bitte wieder schnließen." In der Tat, die
Leute sind ordentlich. Auch hier: Experiment gelungen. abo
